Wie lassen sich finanzielle Schäden bei Hochwasser besser abwenden?

Interview | Hochwasser werden immer kostspieliger. PD Dr. Heidi Kreibich wies quantitativ nach, wie sich Frühwarnung verbessern ließe, damit Schäden geringer ausfallen.

Hochwasser in Deutschland werden immer kostspieliger. Frühwarnsysteme sollen vor allem Menschenleben schützen, aber auch finanzielle Verluste verringern. Immerhin gibt es schon seit 1889 in Mitteldeutschland entlang von Flüssen Warnsysteme für Hochwasser. Nach wie vor kommen Hochwasser die Gesellschaft und Einzelne sehr teuer zu stehen. Wissenschaftler:innen vom Deutschen GeoForschungsZentrum und der Universität Potsdam haben nun quantitativ untersucht, welche Faktoren wirklich entscheidend sind, wenn es darum geht, finanzielle Schäden bei Hochwasser zu reduzieren. Daraus ergeben sich explizite Handlungsempfehlungen für die Praxis. Einzigartig war der Datensatz, auf den sich die Forscher:innen stützen konnten. Er enthielt detaillierte Informationen darüber, wie Hochwasserwarnungen bei Betroffenen eingingen, welche Informationen sie enthielten und welcher monetäre Schaden letztendlich entstand. Ein Interview mit PD Dr. Heidi Kreibich zur kürzlich erschienenen Publikation.


Frau PD Dr. Kreibich: Aus welchen Komponenten besteht ein Frühwarnsystem für Hochwasser denn grundsätzlich?

Ein Hochwasser-Frühwarnsystem basiert auf dem Wissen über das Hochwasserrisiko und besteht aus den zusammenwirkenden Komponenten Überwachung und Vorhersage, Verbreitung von Warnungen und Kommunikation sowie der Reaktionsfähigkeit der betroffenen Gesellschaft. Verschiedene Organisationen und Interessengruppen, einschließlich der Öffentlichkeit, müssen in der Lage sein, zu diesen Komponenten beizutragen und entsprechend zu handeln.

Welche Faktoren beeinflussen die resultierenden finanziellen Schäden im Falle eines Hochwasserereignisses entscheidend?

Wichtige Faktoren sind die Vorwarnzeit, die bestimmt wie viel Zeit für Notmaßnahmen zur Verfügung steht, die Hochwasserintensität insbesondere Wasserstände und Fließgeschwindigkeiten und die Fähigkeit des Katastrophenschutzes und der Betroffenen, wirksame Notfallmaßnahmen zu ergreifen.

Ihre aktuelle Arbeit basiert auf einem umfangreichen Datensatz, der viele Details zu den Schädigungsprozessen bei Hochwasser enthält. Wie haben Sie diese Datengrundlage erhoben?

Beginnend mit dem extremen Hochwasser 2002 haben wir nach allen großen schadenträchtigen Hochwasserereignissen in Deutschland Befragungen von Betroffenen durchgeführt, um Details über die Schadenprozesse zu erheben. Die standardisierten Fragebögen für alle Erhebungskampagnen enthielten etwa 180 Fragen. Aspekte, die unser Fragebogen erfasste, sind die Hochwassergefahr, das heißt zum Beispiel die Überflutungstiefe und -dauer sowie die Fließgeschwindigkeit, dann auch Fragen zur Erfahrung der Betroffenen mit Hochwasser und dem Bewusstsein dafür. Zudem geht es in dem Fragebogen um die Frühwarnung selbst, spezifische Notfall- und Vorsorgemaßnahmen, aber auch um Gebäude- und sozioökonomische Merkmale. Selbstverständlich haben wir auch die entstandenen Gebäude- und Hausratschäden damit erfasst. Somit konnten wir unsere Analyse auf einen einmaligen Datensatz stützen, der 4.468 Schadensfälle aus sechs Hochwasserereignissen (2002 -2013) enthält.

Sie analysierten nun in Ihrer aktuellen Arbeit, welche Art von Frühwarnungen die Betroffenen im Falle eines Hochwassers erhielten, welche Kenntnisse sie hatten und wie sich das auf hinzunehmende finanzielle Verluste des Haushaltsvermögens auswirkte. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Wir quantifizierten den durchschnittlichen Effekt verschiedener Hochwasser-Frühwarnsituationen in Bezug auf die Verringerung von Gebäude- und Hausratschäden, indem wir eine Methode anwendeten, die sich Propensity Score Matching nennt. Mit dieser Methode werden störende Effekte anderer Einflüsse auf den Schaden herausgerechnet, so dass wir den kausalen schadensreduzierenden Effekt folgender Varianten bestimmen konnten: Erstens, die Betroffenen erhielten eine Frühwarnung mit einer Vorwarnzeit von mindestens einer Stunde; zweitens, die Betroffenen erhielten eine Frühwarnung mit einer Vorwarnzeit von mindestens einer Stunde die besonders hilfreiche Informationen enthielt; oder drittens die Betroffenen erhielten eine Frühwarnung mit einer Vorwarnzeit von mindestens einer Stunde und gaben zusätzlich an, dass sie wussten, was zu tun war.

In einem zweiten Schritt analysierten wir mit einem Regressionsmodell, welche Faktoren damit zusammenhängen, dass die Betroffenen eher wissen, was zu tun ist, wenn sie eine Hochwasserwarnung erhalten.

Sie haben unter anderem die Qualität der Informationen bewertet, die die Betroffenen vor der Flut erhielten. Welches sind denn bei einer Flutkatastrophe tatsächlich qualitativ hochwertige Informationen für Betroffene? Auf was kommt es an?

Ganz wichtig sind klare Informationen über das konkret gefährdete Gebiet und den Zeitpunkt des Auftretens der Überschwemmung. Auch Informationen über Deich- oder Dammbrüche, Umleitungen und Straßensperrungen, sowie notwendige Evakuierungen sind wichtig. Bei ausreichender Vorwarnzeit sind für die Reduzierung finanzieller Schäden insbesondere Verhaltenstipps und Empfehlungen für den Selbstschutz hilfreich. Diese beinhalten beispielsweise Hinweise das Inventar in höher gelegene Stockwerke zu verlagern, Fenster und Türen zu verriegeln, Sandsäcke zu verwenden, oder Kraftfahrzeuge auf höhergelegenes Gelände umzuparken.

Was ist das wichtigste Ergebnis Ihrer wissenschaftlichen Untersuchung?

Wir zeigen, dass eine signifikante Verringerung der monetären Schäden nur dann erreicht wird, wenn die Betroffenen wissen, was zu tun ist, wenn sie eine rechtzeitige Hochwasserwarnung erhalten. Damit liefert unsere Studie quantitative Belege für die Forderungen von Frühwarn-Experten, Warnmeldungen um hilfreiche Informationen zu ergänzen und die Notfallkommunikation zu verbessern. Darüber hinaus zeigen wir, dass neben der Unterstützung durch hilfreiche Warninformationen Personen, die Vorsorgemaßnahmen getroffen haben und über Hochwassererfahrung verfügen, eher wissen, was zu tun ist, wenn sie eine Hochwasserwarnung erhalten als andere. Wirksame Risikokommunikation, Schulung und Unterstützung für die private Vorsorge sind also doppelt hilfreich; zur Schadensminderung durch Vorsorgemaßnahmen kommt die Schadensminderung durch eine effektivere Notfallreaktion.

Welche privaten Notmaßnahmen sind besonders wirksam?

Unsere Untersuchung zeigt, dass es potenziell einfacher ist, Hausratschäden zu reduzieren als Gebäudeschäden. Es stehen mehr Notfallmaßnahmen zur Verfügung, die den Schaden am Hausrat begrenzen als welche, die den Schaden am Gebäuden mindern, da beispielsweise teure Gegenstände in höhere Stockwerke gebracht werden können. Allerdings spart der Schutz des Gebäudes, wenn zum Beispiel das Eindringen von Wasser ins Gebäude durch Schotten an Fenster und Türen wirksam verhindert werden kann, im Durchschnitt mehr Geld.

Einige private Vorsorgemaßnahmen sind bei einer Flut überproportional wirksam. Welche Maßnahmen sind das?

Die langfristigen Vorsorgemaßnahmen einer angepassten Nutzung, wie beispielsweise eine geringwertige Nutzung des Kellers sowie einer angepassten Inneneinrichtung, wie beispielsweise die Nutzung von Fliesen anstatt von Parkett sind besonders wirksam und können die Schäden im Mittel bis 50 Prozent reduzieren. 


Originalstudie:
Kreibich, H, Hudson, P, Merz, B (2021): Knowing What to Do Substantially Improves the Effectiveness of Flood Early Warning. Bulletin of the American Meteorological Society, 102 (7).

DOI: doi.org/10.1175/BAMS-D-20-0262.1


Wissenschaftlicher Kontakt:

Priv. Doz. Dr. Heidi Kreibich
Arbeitsgruppenleiterin
Hydrologie
Telegrafenberg
14473 Potsdam
Tel.: +49 331 288-1550
Email: heidi.kreibich@gfz-potsdam.de

Medien Kontakt:
Dipl.-Geogr. Josef Zens
Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Telegrafenberg
14473 Potsdam
Tel.: +49 331 288-1040
E-Mail: josef.zens@gfz-potsdam.de

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