Spuren einer uralten Straße im See

Deutsche und polnische Forscher*innen am Czechowskie-See in Polen bei der Probennahme der Sedimentkerne. (Foto: A. Brauer, GFZ)
Aufbau der Bohrplattform am Czechowskie-See in Polen. (Foto: A. Brauer, GFZ)
Mikroskopaufnahme eines Sedimentkernes mit den charakteristischen jahreszeitlichen Ablagerungen, so genannten Warven. Die hellen Lagen werden im Sommer gebildet, die dunklen im Winter. Die dunkle Farbe stammt von einem höheren Anteil abgestorbener Biomasse. (CCBY 4.0: Słowiński et al. 2021; NATURE Scientific Reports | DOI: 10.1038/s41598-021-00090-3)
Die Art der Pollen, die in den Sedimentkernen erhalten sind, erlaubt Rückschlüsse auf die Landschaftsentwicklung. Hier eine Mikroskopaufnahme von Binkelweizen (Triticum compactum). (CCBY 4.0: Słowiński et al. 2021; NATURE Scientific Reports | DOI: 10.1038/s41598-021-00090-3)

Achthundert Jahre Siedlungsgeschichte mit Landreformen, Seuchen und immer wieder Kriegen sind in den Sedimenten des Czechowskie-Sees in Polen erhalten. Die Schlüsselrolle spielte dabei der so genannte Markgrafenweg, die „Via Marchionis“, zwischen dem preußischen Kernland und der Ordensburg Marienburg (heute Malbork in Polen). Die Straße blieb über Jahrhunderte bedeutsam. In einer polnisch-deutschen Kooperation haben Forscherinnen und Forscher historische Ereignisse und den Wandel des Naturraums miteinander verknüpft. Die Arbeit entstand im Rahmen des Helmholtz Virtuellen Instituts ICLEA (Integrated Climate and Landscape Evolution) und wurde von Michał Słowiński (Polnische Akademie der Wissenschaften) und Achim Brauer (Deutsches GeoForschungsZentrum) geleitet. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ erschienen.

Wer von der Stadt Brandenburg über Berlin nach Frankfurt an der Oder reist, tut dies entlang einer uralten Trasse, die bis weit hinein nach Polen reicht. Welchen Einfluss diese Ost-West-Verbindung auf die Landschaftsgeschichte hatte, haben deutsche und polnische Forscher*innen jetzt dokumentiert, indem sie die Sedimente des Czechowskie-Sees in der Bory Tucholskie (Deutsch: Tucheler Heide) untersuchten und zusätzlich historische Quellen auswerteten. Demnach lassen sich in den letzten achthundert Jahren drei Phasen der Landschaftsentwicklung voneinander abgrenzen: von einer nahezu unberührten Landschaft über eine mehrere Jahrhunderte dauernde Zwischenphase – geprägt von Wechseln zwischen starker Siedlungstätigkeit und der Rückkehr der Natur nach Kriegen – hin zur heutigen Kulturlandschaft.

Einer der beiden Hauptautoren, Achim Brauer vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ in Potsdam, sagt: „Einen deutlichen Einfluss hatten Kriege, da die Via Marchionis immer wieder für Truppentransporte genutzt wurde, die zu lokalen Zerstörungen und Verwüstungen geführt haben. In dieser Studie haben wir erstmals für jeden Krieg in der Geschichte die Auswirkungen auf die Landschaft gezeigt. In der Regel haben die Kriege zu mehr oder weniger starken Verwüstungen (‚Renaturierungen‘) der Landschaft geführt, die auch unterschiedlich lange angehalten haben.

Zu anderen Zeiten waren es politische Entwicklungen, die ihre Spuren in der Landschaft hinterließen, so etwa eine Agrarreform im Jahr 1343. Diese führte mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung zu einer beschleunigten „Anthropogenisierung“ der Landschaft, also zu deutlich sichtbarem menschlichen Einfluss. In den Sedimenten des Czechowskie-Sees zeigt sich das durch eine starke Zunahme von Roggenpollen und dem Rückgang von Birken- und Kiefernpollen.

Weil Sedimente in einem See Jahresschichtungen ähnlich wie Baumringe aufweisen, konnte das deutsch-polnische Team durch Auszählen der einzelnen Lagen („Warven“) bis auf fünf Jahre genau eingrenzen, aus welchem Jahr Pollen stammten. Demnach blieb die Landschaft bis etwa 1350 weitgehend unberührt vom Menschen. Ausgedehnte Wälder und natürliche Gräser dominierten. Dann folgten fünf turbulente Jahrhunderte. Die Ausdehnung der Landwirtschaft und die Bildung von größeren Orten waren begünstigt durch ein warmes Klima und politisch ruhige Zeiten. Zwischen 1409 und 1435 jedoch gab es Krieg zwischen dem Deutschen Orden und Polen – Felder fielen wüst, Wälder dehnten sich wieder aus.

Nach dem Friedensschluss folgten wieder fünf ruhige Jahrzehnte, in denen auch eine Zunahme des Handwerks deutlich wurde. Hartholz wurde geschlagen, um Baumaterial und Pottasche zu gewinnen – die Birkenpollen verschwanden aus den Seesedimenten, Roggen nahm erneut massiv zu. Riesige Heereszüge mit Tausenden von Reiten und Fußsoldaten, Pestepidemien in mehreren Wellen und einige sehr kalte Jahre mit Missernten sind ebenfalls dokumentiert. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt dann der Einfluss der Siedlungs- und Wirtschaftstätigkeit so überhand, dass man von einer überwiegend vom Menschen geprägten Landschaft, einer Kulturlandschaft, sprechen kann, die bis heute besteht.

Erstautor Michał Słowiński resümiert: „Das wichtigste Ergebnis ist, dass diese Entwicklung nicht gleichmäßig erfolgt ist. Vielmehr sehen wir einen Wechsel von Phasen schneller Entwicklung und deutlichen Rückschritten. Die Gründe dafür sind komplexe Interaktionen sozio-ökonomischer, politischer und klimatischer Faktoren.

Originalstudie: Michał Słowiński, Achim Brauer, Piotr Guzowski, Tomasz Związek, Milena Obremska, Martin Theuerkauf, Elizabeth Dietze, Markus Schwab, Rik Tjallingii, Roman Czaja, Florian Ott, Mirosław Błaszkiewicz: „The role of Medieval road operation on cultural landscape transformation“ in: Scientific Reports DOI: 10.1038/s41598-021-00090-3

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. Achim Brauer
Leiter der Sektion Klimadynamik und Landschaftsentwicklung
+49 331 288-1330
achim.brauer@gfz-potsdam.de

Medienkontakt:

Josef Zens
Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
+49 331 288 1040
josef.zens@gfz-potsdam.de

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