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Bericht | Lernen im Erdbeben-Reallabor

Temporäre seismische Station in Afghanistan (Foto: Norwegian Afghanistan Committee NAC).
Teilnehmende des Schulungskurses mit dem SeisComp3-Bildschirm, der die Lokation des 5,2er-Bebens im Hintergrund zeigt. Von links nach rechts: Dr. Sofia-Katerina Kufner (GFZ), Jawad Mones (Balkh-Universität), Najibullah Kakar (norwegisches Afghanistan-Komitee), Prof. Hamidullah Waizy (Kabul Politechnical University), Dr. Angelo Strollo (GFZ), Prof. Bahadorakbar Mir (Kabul Universität) [Foto: F. Alberg, GFZ].
(Foto: S.-K. Kufner, GFZ)

Die bevölkerungsreichen nordöstlichen Provinzen Afghanistans sind häufig von starken Erdbeben betroffen. Da es jedoch kein lokales seismisches Beobachtungsnetz gibt, wurden diese Erdbeben bisher weder kontinuierlich überwacht noch umfassend untersucht. Die GFZ-Sektion Dynamik der Lithosphäre hat nun über das Projekt „Natürliches Forschungslabor Zentralasien – Dem tektonischen Fingerabdruck einer Kontinentalkollision auf der Spur“, zusammen mit lokalen und internationalen Partnern, in Nordost-Afghanistan ein temporäres seismisches Netzwerk mit 15 Stationen aufgebaut. Das Netzwerk hat prompt ein Beben der Stärke 5,2 gemessen - während das GFZ auf dem Telegrafenberg in Potsdam einen deutsch-afghanischen Seismologie-Trainingskurs durchführt.

Das neue Netzwerk ist das erste große digitale seismische Netzwerk im Nordosten Afghanistans. Die Daten werden dabei digital aufgenommen, permanent und zentral gesammelt und mit Daten aus anderen seismischen Netzwerken wie beispielsweise dem des GEOFON-Programms des GFZ zusammengebracht und analysiert.

Neben der reinen technischen Installation des Netzwerks ist ein Aspekt des Projekts auch das Capacity Building: Die lokalen Projektpartner, das Norwegian Afghanistan Committee, der Afghan Geological Survey und die Kabul University, sollen in die Lage versetzt werden, seismische Daten in Zukunft selbstständig auszuwerten. Mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit führt das GFZ außerdem noch bis zum 9. Dezember einen seismischen Trainingskurs am GFZ durch. Lehrende der Geowissenschaften dreier afghanischer Universitäten und der afghanische Projektleiter nehmen teil.

Für sie hielt die Natur Afghanistans ein besonderes Trainingsangebot bereit: Am vergangenen Dienstag, während des laufenden Kurses, ereignete sich in der Region ein Beben mit einer Magnitude von 5,2. Es war seit der Inbetriebnahme des digitalen Netzwerks im Herbst 2017 das bislang größte krustale Erdbeben - also ein Beben, das seinen Ursprung in der Erdkruste, nicht im tiefer gelegenen Erdmantel hat - in der Region. Mit den im Rahmen des Kurses neu konfigurierten SeisComp3-Systemen - einer vom GFZ entwickelten Software für die Ortung von Erdbeben - konnten die Teilnehmenden dabei in Echtzeit lernen, wie sie Lokation, Stärke und Bruchmechanismus eines Bebens bestimmen.

Sofia-Katerina Kufner, Projektleiterin und Hauptbetreuerin des Kurses: „Die Veranstaltung mit ihrem ‚Echtzeit-Lerneffekt‘ hat uns nochmal auf eindrucksvolle Weise gezeigt, wie wichtig ein lokales Netzwerk in dieser Region ist. Ein weiterer Schritt sollte sein, das Netzwerk dauerhaft zu installieren“. Entsprechende Pläne werden derzeit diskutiert.

Neben der Überwachung aktueller Beben bietet das Netzwerk die Möglichkeit, anhand der durch die Beben aufgezeichneten Daten einen bisher verborgenen Einblick in die Tektonik dieser abgelegenen Region zu erlangen. Im Unterschied zu den bereits vorhandenen globalen seismischen Messnetzen erlaubt es das neue lokale Netzwerk nun auch schwache Erdbeben, die den globalen Netzwerken entgehen, zu lokalisieren und auszuwerten. Dadurch, dass die Beben genau geortet werden können, lässt sich beispielsweise der Verlauf einer Störungszone im Untergrund rekonstruieren. Das kann unter anderem dabei helfen, durch Beben gefährdete Regionen in Zukunft genauer einzugrenzen. (ak)

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